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    Ahmadullah Afghan lebt fürs Thaiboxen – Der 29-Jährige ist deutscher Amateurmeister

    Mittelbiberach, 22.04.2017 (Anton Fuchs, ©Schwäbische Zeitung)

    Mittelbiberach - sz
    Muay Thai ist eine der härtesten Kampfsportarten der Welt. Für Ahmadullah Afghan ist es mehr als das. „Sport ist mein Leben“, sagt der 29-jährige Afghane, der seit drei Jahren in Deutschland lebt. Anfang März dieses Jahres hat er die deutschen Amateurmeisterschaft im Thaiboxen gewonnen.

    Als Afghan das „Martial Art´s Gym VUK.O.“ in Mittelbiberach betritt, geht ein Lächeln über sein Gesicht. Der kleine, durchtrainierte Mann umarmt seinen Trainer Vullnet „Tony“ Kolukaj und schaut kurz in die Trainingsräume. Noch ist niemand da. Das Training beginnt erst in einer halben Stunde. Bis dahin erzählen er und Trainer „Tony“ Kolukaj von ihrer großen Leidenschaft – dem Muay Thai, auch bekannt als Thaiboxen. Wegen der Mischung aus Faust-, Tritt- und Schlagtechniken mit dem Ellenbogen ist es eine der härtesten Vollkontaktsportarten der Welt.

    Im Oktober 2014 ist Afghan als Flüchtling zu uns gekommen. Davor lebte er in Griechenland, Italien und Frankreich. Das Boxen hat ihn dabei immer begleitet. In Afghanistan, wo er noch klassisch boxte, nannten seine Kollegen ihn „Mike“, nach Boxweltmeister Mike Tyson, dem großen Vorbild von Afghan. Während seiner sieben Jahre in Griechenland lernte er Mixed Martial Arts (MMA) – ein moderner Vollkontaktsport, bei dem Kampfsporttechniken aus verschiedenen Disziplinen vermischt werden.

    Lauern auf Fehler

    Beim Thaiboxen zuzusehen, ist spannend. Tänzelnd hüpft Afghan von einem Fuß auf den anderen, weicht Angriffen seiner Gegner aus, pariert und lauert auf Fehler. Ist das passiert, greift er an. In schnellen Haken schlägt er zu, hält den Tritt des Gegners mit der Hand fest oder teilt selbst Tritte aus. Mit seinem Fuß trifft Afghan dabei auch noch wesentlich größere Gegner am Kopf. Sein Stil stößt im Training auf viel Anerkennung, so sein Trainer: „Wenn er kämpft, gefällt das hier jedem.“

    Als er schließlich nach Deutschland kam, begann Afghan mit dem Thaiboxen. Damals waren vor allem die Kniestöße sein Problem beim Muay Thai: „Da hatte ich Angst.“ Das scheint sich aber komplett gelegt zu haben. Innerhalb von eineinhalb Jahren erlernte er die Beintechnik und ging auf viele Wettkämpfe. Seitdem trainiert er drei Mal pro Woche. Zusätzlich gibt es spezielle Wettkampfvorbereitungen. „Wir trainieren hier pro Einheit rund zwei Stunden“ sagt Trainer „Tony“ Kolukaj, „das ist anderswo nicht zwingend so.“ Die langen Einheiten seien aber nötig, weil Muay Thai ein sehr körperlich anstrengender Sport ist. In der Klasse von Afghan dauert ein Kampf drei mal drei Minuten. Da er kontinuierlich trainiert, ist Afghan immer bereit für Wettkämpfe. „Wenn es sein müsste, sogar schon morgen“, sagt sein Trainer. Voraussetzung bei einem harten Kampfsport wie Muay Thai ist regelmäßiges Training, um Verletzungen vorzubeugen. „Die Gesundheit geht immer vor“, stellt „Tony“ Kolukaj klar.

    Der Sport ist für Ahmadullah Afghan mehr als nur Krafttraining oder Fitness. Das Thaiboxen half ihm, sich in Deutschland zurechtzufinden. Durch das Training habe er viele Kontakte geknüpft und sein Deutsch verbessert. Aus Deutschland möchte er am liebsten gar nicht mehr weg. Jedoch wurde sein Asylantrag vorerst abgelehnt. Trotzdem betont Afghan, die Deutschen haben ihn und andere Flüchtlinge sehr gut aufgenommen: „Wir hatten gar nichts und bekamen alles.“ Mittlerweile hat er sich mit anderen Boxern im Studio angefreundet. „Hier sind alle immer gut gelaunt. Wir sind ein gutes Team und gehen auch mal zusammen weg.“, sagt Trainer „Tony“ Kolukaj. Trotz des strengen Drills im Training und den harten Kämpfen gehen die Boxer respektvoll miteinander um. Sie klatschen sich vor Beginn eines Kampfes ab und bedanken sich anschließend mit einer kurzen Umarmung – typisch für den asiatischen Kampfsport.

    Afghans Disziplin trägt zuweilen amüsante Blüten. Auf dem Weg zur deutschen Meisterschaft in Rommerskirchen im Rheinland, vergaßen Afghan und „Tony“ Kolukaj ihre Waage mitzunehmen. Die ist aber wichtig, um das notwendige Kampfgewicht zu erreichen. Also drehten Trainer und Schützling bei Ulm wieder um und holten die Waage. Schließlich stellten sie fest: Afghan ist zu schwer. Die verbleibenden Tage bis zur Meisterschaft nutzte er dann so intensiv, dass er am Wettkampftag schließlich genau die erforderlichen 63,5 Kilogramm auf die Wage brachte. Und es lohnte sich: Am Ende gewann er sogar den Titel.

    Afghans großes Ziel ist es, in die Profiliga aufzurücken und Weltmeister zu werden. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, der auch davon abhängt, ob der 29-Jährige in Deutschland bleiben darf oder doch abgeschoben wird.

    Unterschrift Foto: Ahmadullah Afghans (rechts, hier mit Trainer Vullnet „Tony“ Kolukaj) großes Ziel ist es, in die Profiliga aufzurücken und Weltmeister zu werden. Bild: privat, ©Schwäbische Zeitung